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1. Ausgangslage: Darm-Chaos mit 49

20. Aug. 2024 · Dr. Patay Gábor
1. Ausgangslage: Darm-Chaos mit 49

Der Anfang: Ich spüre es in meinem Bauch

Man sagt, Wissen ist Macht. Doch mit 49, am Rand eines Waldpfads sitzend — wo er einst als Anfänger gelaufen war — war er sich dessen nicht mehr so sicher. Einen guten Teil seines Lebens und seiner Laufbahn hatte er damit verbracht, eine sinnvolle Tätigkeit zu finden, mit der er anderen helfen konnte — Dutzenden Patienten, die mit rätselhaften Darmerkrankungen, Autismus oder sogar Depressionen kämpften —, oft mit einer Behandlung, die die meisten Ärzte auch heute noch für undenkbar halten: der Stuhl-Mikrobiota-Transplantation (FMT). Manchmal gelang es ihm, anderen zu helfen. Aber sein eigener Körper? Seine eigene Vitalität? Auf lange Sicht betrachtet? Die schien ihm zu entgleiten.

Er war nicht krank. Nicht wirklich. Aber etwas stimmte nicht. Die Regeneration wurde langsamer. Der Schlaf oberflächlicher. Essen gab ihm keine Energie mehr — es machte ihn eher schläfrig. Und vielleicht das Schlimmste: Seine Neugier war stumpf geworden, wie ein altes Skalpell, vergessen tief in einer Schublade.

Da kam ihm der Gedanke: „Kann ich alles, was ich weiß, nutzen, um mein Leben zu verändern?

Das war keine gewöhnliche Midlife-Umstellung. Er hatte schon so einiges Verrücktes erlebt: tagelang gefastet, einen Marathon auf einer 400-Meter-Bahn gelaufen, gemeinsam mit Kollegen – halb im Guerilla-Stil – die eigenen Darmbakterien olympischer Schwimmer zurücktransplantiert, ja sogar einmal die eines Elite-Ultraläufers in sich selbst. Eine Woche später lief er 71 Kilometer, ohne an die Wand zu laufen. Zufall? Vielleicht. Doch die Idee begann Wurzeln zu schlagen: Könnte in den Mikroben nicht nur der Schlüssel zur Leistung, sondern auch zur wahren Transformation liegen?

Dieser Blog — dieser Weg — handelt nicht vom Biohacking oder der Jagd nach einem langen Leben um seiner selbst willen. Er sucht etwas Tieferes. Eine Art Ganzheit, die er „Healthevity“ nennt — die Einheit von Gesundheit und Vitalität. Langlebigkeit ist natürlich ein Teil davon. Aber wer will schon lange leben, wenn es mit langsamem Verfall einhergeht? Er ganz sicher nicht.

In den kommenden 31 Wochen wird er alles testen: Ernährung, Fasten, Stuhltherapie, Stress, Schlaf, Sex, Sonnenlicht, Nahrungsergänzungsmittel. Er wird Studien durchgehen, an sich selbst experimentieren, Patienten erneut besuchen, und ja — vielleicht wird er noch einmal Stuhl homogenisieren.

Doch diesmal ist es persönlich. Das Ziel? Nicht nur sein eigenes Leben zu verändern — sondern zu beweisen, dass der Weg zu echter, gelebter, widerstandsfähiger Gesundheit durch den Darm führt. Durch jene mehreren Billionen Mikroben, die wir übersehen, obwohl bei ihnen vielleicht das Geheimnis liegt, wie wir nicht nur länger — sondern besser leben können.

Nächste Woche: „Das unsichtbare Organ: Lerne meine Mikrobiota kennen.“

1. Cryan et al. (2019) – Die Mikrobiota-Darm-Hirn-Achse

John F. Cryan, Kenneth J. O'Riordan, Caitlin S. M. Cowan, Kiran V. Sandhu & Thomaz F. S. Bastiaanssen, The Microbiota–Gut–Brain Axis, Physiological Reviews, 1. Oktober 2019.

Ergebnisse:

Die Darmmikrobiota kommuniziert über mehrere Wege mit dem Gehirn – unter anderem über den Vagusnerv, Immunsignale und mikrobielle Stoffwechselprodukte wie kurzkettige Fettsäuren und Tryptophan-Derivate.

Sie reguliert zentrale Gehirnfunktionen: die Stressreaktion (HPA-Achse), Neurogenese, Myelinisierung, Neurotransmittersysteme (etwa GABA, Serotonin) sowie die Aktivität der Mikroglia.

Tierversuche zeigten deutliche Effekte auf Stimmung und Verhalten: keimfreie Mäuse zum Beispiel zeigten eine verstärkte Stressreaktion, verringerte BDNF-Werte und verändertes angstähnliches Verhalten – all das war durch mikrobielle Kolonisierung reversibel.

Cryans Labor zeigte außerdem, dass bestimmte Probiotika (z. B. Lactobacillus) emotionales Verhalten über die Modulation des Vagusnervs beeinflussen können.

https://journals.physiology.org/doi/full/10.1152/physrev.00018.2018

2. Scheiman et al. (2019) — Meta-omische Analyse bei Elitesportlern: Identifizierung eines leistungssteigernden Mikrobs, das über den Laktatstoffwechsel wirkt

Jonathan Scheiman, Jacob M. Luber, Theodore A. Chavkin, Tara MacDonald, Angela Tung, Loc-Duyen Pham, Marsha C. Wibowo, Renee C. Wurth, Sukanya Punthambaker, Braden T. Tierney, Zhen Yang, Mohammad W. Hattab, Julian Avila-Pacheco, Clary B. Clish, Sarah Lessard, George M. Church & Aleksandar D. Kostic

Ergebnisse:

Die Autoren untersuchten mit meta-omischen Methoden das Darmmikrobiom von Elite-Läufern des Boston-Marathons vor und nach dem Rennen.

Sie entdeckten, dass sich die Gattung Veillonella, insbesondere die Art Veillonella atypica, nach dem Lauf deutlich vermehrte und in der Lage ist, von dem während des Trainings produzierten Laktat zu leben.

Als dieser Stamm auf Mäuse übertragen wurde, zeigten diese in Laufbandtests eine um etwa 13 % bessere Ausdauerleistung.

Dem Mechanismus zufolge wandelt Veillonella Laktat in Propionat (eine kurzkettige Fettsäure) um, was durch metabolische Unterstützung die Laufleistung verbessern kann.

Sie liefert einen kausalen Beweis dafür, dass bestimmte Darmmikroben die Ausdauer steigern können. Sie beleuchtet einen neuen Stoffwechselweg — Laktat → Propionat —, über den Mikroben die sportliche Leistung unterstützen können. Sie wirft die Frage nach dem Potenzial mikrobiota-basierter Probiotika zur Steigerung der Ausdauer auf.

https://www.nature.com/articles/s41591-019-0485-4

3. Wang et al. (2020) — Vielversprechende Behandlung für Typ-2-Diabetes: Die Stuhl-Mikrobiota-Transplantation kehrt Insulinresistenz und veränderte Langerhans-Inseln um

Zezhen Wu, Bangzhou Zhang, Fengwu Chen, Rongmu Xia, Dan Zhu, Baolong Chen, Aiqiang Lin, Chuyan Zheng, Ducheng Hou, Xiaoyu Li, Shuo Zhang, Yongsong Chen

Ergebnisse:

Die Insulinresistenz (HOMA-IR) und der BMI verbesserten sich in beiden FMT-Gruppen (mit und ohne Metformin) im Vergleich zum Ausgangswert deutlich.

Auch der Nüchtern- und postprandiale Blutzucker sowie der HbA1c-Wert verbesserten sich in den FMT-Gruppen deutlich — in ähnlichem Ausmaß wie unter der Wirkung von Metformin.

Die mikrobielle Vielfalt des Darms nahm deutlich zu; zahlreiche spenderspezifische Mikroben siedelten sich erfolgreich bei den Empfängern an, darunter Bifidobacterium adolescentis, das eine stark negative Korrelation mit den HOMA-IR-Werten zeigte.

Die Untersuchung liefert klinische Belege am Menschen dafür, dass FMT die metabolische Gesundheit substanziell verbessern kann, indem sie die Insulinsensitivität und die glykämische Kontrolle bei Typ-2-Diabetes verbessert, sowohl mit als auch ohne Metformin.

https://www.frontiersin.org/journals/cellular-and-infection-microbiology/articles/10.3389/fcimb.2022.1089991/full

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PG
Dr. Patay Gábor · Mikrobiota-Spezialist, Arzt
MicroBiome Bank