2. Das unsichtbare Organ: Lerne meine Mikrobiota kennen
Das unsichtbare Organ: Lerne meine Mikrobiota kennen
Hätte man ihn vor fünfundzwanzig Jahren, direkt nach dem Studium, gefragt, welches das am meisten unterschätzte Organ im menschlichen Körper sei, hätte er ohne Zögern geantwortet: die Faszie. Oder das... Gehirn. Nein! Ganz klar die Leber. Heute? Das ist keine Frage mehr. Es ist die Mikrobiota – jene dichte, geschäftige Mikrobengemeinschaft, die vor allem im Dickdarm lebt und im Grunde als virtuelles Organ funktioniert. Ein Organ, das schwerer ist als das Gehirn, mehr verstoffwechselt als die Leber und ununterbrochen mit jeder einzelnen Zelle des Körpers kommuniziert. Ununterbrochen.
Als Arzt begegnete er ihr zum ersten Mal, als er mit Patienten zu tun hatte, bei denen sonst nichts half. Die ständig müde, entzündet, chronisch unwohl waren. Bei manchen wurde ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert, bei anderen ein SIBO, das es eigentlich nie gab, und viele erhielten überhaupt keine offizielle Diagnose. Doch eines hatten sie gemeinsam: Ihr Verdauungssystem war aus dem Gleichgewicht geraten. Und wenn es gelang, dieses Gleichgewicht wiederherzustellen – mit Ernährung, Lebensstiländerungen, manchmal auch mit einer Stuhl-Mikrobiota-Transplantation (FMT) – wenn es funktionierte, ging es auch ihnen besser. Doch jahrelang betrachtete er die Mikrobiota nur als Werkzeug. Für andere. Nicht als Brille, durch die er auch sich selbst sehen könnte. Nicht als Spiegel.
Bis jetzt.
Unter dem Mikroskop ist der Darm keine passive Röhre. Sondern ein Dschungel. Billionen von Bakterien, Archaeen, Pilzen und Viren, die nicht nur an der Verdauung von Nahrung beteiligt sind, sondern auch an der Schulung des Immunsystems, der Regulierung von Hormonen, der Produktion von Neurotransmittern und der Herstellung kurzkettiger Fettsäuren, die die Kommunikation zwischen Zellen beeinflussen. Es gibt Mikroben, die Gene in den Mitochondrien ein- und ausschalten können. Sie beeinflussen die Gesundheit nicht nur. Sie steuern sie.
Und doch ist das moderne Leben ein regelrechter Albtraum für Mikroben. Verarbeitete Lebensmittel. Chronischer Stress. Alkohol. Antibiotika. Schlafentzug. Nachtschichten. Dehydrierung. All das, was er sorgfältig in seinem „Ernährungs- und Beschwerdetagebuch“ notiert hatte. All das bringt jenes feine Gleichgewicht durcheinander, das zwischen nützlichen Arten wie Akkermansia, Bifidobacterium oder Faecalibacterium besteht – und jenen entzündungsfördernden Arten, die vom Chaos leben.
Theoretisch wusste er das immer schon. Doch mit 49 spürte er es am eigenen Leib. Er war nicht krank – aber etwas begann ihm zu entgleiten. Die Präzision seines Stoffwechsels. Die geistige Klarheit. Das Gefühl, zu allem fähig zu sein, egal wie lange. Jene ruhige Widerstandskraft, die er früher auch bei seinen Läufen mitgetragen hatte. War es möglich, dass seine eigene Mikrobiota – nach Jahrzehnten heldenhafter Anstrengung – nicht mehr zu seinen neuen Zielen passte?
Er entschied: Es war Zeit. Nicht nur, um auf die Wissenschaft zu hören – sondern um sich von ihr verwandeln zu lassen. Und um das Mikrobiota-Manipulationshandbuch zu schreiben, in dem er alles sammeln würde, was er entdeckt hatte, und alles, was wirklich funktionierte.
Nächste Woche: „Würdest du es schlucken, um länger zu leben?“ – Einblicke in sein eigenes Athlet-zu-Athlet-FMT-Experiment.
1. Lynch, S. V., & Pedersen, O. – The human intestinal microbiome in health and disease
Susan V. Lynch, Ph.D., and Oluf Pedersen, M.D., D.M.Sc., The human intestinal microbiome in health and disease, New England Journal of Medicine, 2016 Dec 15;375(24):2369-2379.
Ergebnisse:
Die Studie von Lynch und Pedersen ist ein Meilenstein für das Verständnis der medizinischen Bedeutung der Mikrobiota. Die Autoren zeigen, dass die Darmmikrobiota kein passiver Teilnehmer der Verdauungsprozesse ist, sondern ein aktiver Regulator der Entwicklung und Funktion des Immunsystems. Das mikrobielle Gleichgewicht, das sich in den frühen Lebensjahren bildet, bestimmt, ob das Immunsystem des Wirtsorganismus Toleranz oder eine Entzündungsreaktion auf Umweltreize entwickelt.
Der Artikel widmet der Dysbiose besondere Aufmerksamkeit, also der Störung der Zusammensetzung und Funktion der Mikrobiota, die bei der Entstehung zahlreicher moderner, chronischer Erkrankungen – etwa metabolisches Syndrom, entzündliche Darmerkrankungen, Autoimmunerkrankungen und neurologische Störungen – eine zentrale Rolle spielt. Die Autoren zeigen im Detail, wie westliche Ernährung, Antibiotikaeinsatz und eine sterile Umgebung zu einer verringerten Vielfalt der Mikrobiota führen können, was das Risiko entzündlicher Erkrankungen erhöht.
Sie betonen, dass die Mikrobiota nicht nur ein krankheitsauslösender Faktor ist, sondern auch ein therapeutisches Ziel. FMT (Stuhl-Mikrobiota-Transplantation) und personalisierte diätetische Maßnahmen sind Werkzeuge, mit denen das mikrobielle Gleichgewicht wiederhergestellt und dadurch die Aktivität entzündlicher Prozesse im Körper reduziert werden kann.
https://doi.org/10.1056/NEJMra1600266
2. Sonnenburg, J. L., & Bäckhed, F. – Diet–Microbiota Interactions as Moderators of Human Metabolism
Justin L. Sonnenburg, Ph.D., and Fredrik Bäckhed, Ph.D., Diet–Microbiota Interactions as Moderators of Human Metabolism, Nature, 2016 Jul 7;535(7610):56-64.
Ergebnisse:
Die Untersuchung von Sonnenburg und Bäckhed legt die enge Verbindung zwischen Ernährung und Mikrobiota offen und zeigt, wie die mikrobielle Gemeinschaft den menschlichen Stoffwechsel beeinflusst. Die Autoren weisen darauf hin, dass die Mikrobiota bei der Fermentation der durch unsere Ernährung bereitgestellten Nährstoffe kurzkettige Fettsäuren (SCFA) wie Butyrat, Propionat und Acetat produziert, die eine grundlegende Rolle im Energiestoffwechsel und bei der Aufrechterhaltung der Integrität der Darmbarriere spielen.
Die Studie betont, dass ballaststoffreiche Ernährungsweisen – wie jene traditioneller, nicht industrialisierter Bevölkerungsgruppen – die Vielfalt der Mikrobiota erhalten und positive Stoffwechseleffekte fördern. Im Gegensatz dazu verringert die westliche Ernährung, die ballaststoffarm ist und voller verarbeiteter Lebensmittel steckt, die mikrobielle Vielfalt drastisch, was zu Fettleibigkeit, Insulinresistenz und entzündlichen Erkrankungen führen kann.
Der Artikel zeigt auf wegweisende Weise, dass die Mikrobiota Stoffwechselwege modulieren kann und der Gesundheitszustand somit durch ernährungsbedingte Eingriffe – über die Veränderung der Mikrobiomzusammensetzung – wirksam beeinflusst werden kann. Den Forschern zufolge wird die Ernährungswissenschaft der Zukunft optimale Gesundheit durch die personalisierte Unterstützung der Mikrobiota erreichen.
https://doi.org/10.1038/nature18846
3. Elinav, E., & Zmora, N. – Personalized Microbiome-Based Approaches to Metabolic Syndrome Management
Eran Elinav, M.D., Ph.D., and Niv Zmora, M.D., Ph.D., Personalized Microbiome-Based Approaches to Metabolic Syndrome Management, Cell, 2019 Aug 8;178(4):804-811.
Ergebnisse:
Die Studie von Elinav und Zmora untersucht die revolutionären Möglichkeiten der mikrobiota-basierten, personalisierten Medizin bei der Behandlung des metabolischen Syndroms. Die Forscher zeigen anhand klinischer Untersuchungen, dass das individuelle Mikrobiota-Profil ein weitaus präziserer Prädiktor für die Wirksamkeit ernährungsbedingter Maßnahmen (z. B. der Glukoseantwort) sein kann als genetische Daten. Ihren Ergebnissen zufolge reagieren Menschen mit unterschiedlicher Darmflora-Zusammensetzung auf dieselbe Nahrung mit völlig unterschiedlichem Blutzuckeranstieg.
Der Artikel untermauert anhand praktischer Beispiele, dass eine detaillierte Kartierung der Mikrobiota für die Gestaltung personalisierter Diäten unerlässlich ist. Den Autoren zufolge können die Prävention und Behandlung von Stoffwechselerkrankungen (Fettleibigkeit, Diabetes, Fettleber) nur dann wirksam sein, wenn die Medizin das individuelle mikrobielle Ökosystem berücksichtigt.
Die Studie erwähnt gesondert, dass FMT sowie probiotische und präbiotische Interventionen keine Einheitslösungen sind, sondern eine Feinabstimmung erfordern, die auf das mikrobielle und metabolische Profil des Wirtsorganismus abgestimmt ist. Die Schlussfolgerung des Artikels lautet, dass die gezielte Modulation der Mikrobiota künftig eine Schlüsselrolle in personalisierten Stoffwechseltherapien spielen wird.

